• Sturmhauben gibt es nur im Fernsehkrimi

Sturmhauben gibt es nur im Fernsehkrimi

19.09.2018 MICHAEL STAUB Journalist BR, Kriens

Mit der Wahl der richtigen Fenster und Türen lässt sich die Sicherheit der eigenen Liegenschaft deutlich steigern. Damit der mechanische Einbruchschutz funktioniert, braucht es jedoch den Abschied von einigen Vorurteilen. Hilfreich ist auch das Beratungsangebot der kantonalen Polizeikorps.

Wie gut kann die bestehende Eingangstür einem Einbrecher standhalten? Muss das hangseitige Fenster besser gesichert werden? Wo soll man überhaupt mit der baulichen Aufrüstung anfangen? Für solche und ähnliche Fragen gibt es seit rund zehn Jahren ein etabliertes Forum: Die Polizeikorps fast aller Kantone bieten kostenlose Sicherheits- oder Präventionsberatungen an. So auch in Bern. «Wir beraten herstellerneutral und orientieren uns an den Bedürfnissen der Eigentümer», sagt Bruno Lüthi, Dienstchef Sicherheitsberatung bei der Kantonspolizei Bern. Die Ratsuchenden wollen mögliche Einbrüche durch präventive Massnahmen verhindern oder zumindest erschweren. Ebenso nehmen die Opfer von Einbruchs- oder Einschleichdiebstählen die Beratung in Anspruch. Erfreulicherweise ist die Häufigkeit beider Delikte seit einigen Jahren rückläufig (siehe Infobox). Doch aus Sicht der Fachleute bleibt noch einiges zu tun: «Bei vielen Wohneigentümern ist das Thema noch nicht oder kaum auf dem Radar», so Lüthi.

Adlerblick und «Gspüri»

Wer sich bei der Polizei meldet, hat meistens konkrete Fragen. Doch der Blick auf eine neue Eingangstür oder die Absicherung der Garage sind oft zu detaillastig. «Viele Leute fokussieren auf einen Teilaspekt des Schutzes. Man sollte aber möglichst alle Punkte anschauen, um eine ganzheitliche Lösung zu finden», sagt Lüthi. Zum Beispiel nütze die beste Eingangstür wenig, wenn ein nicht einsehbares Fenster zum Einbruchsversuch lade. Das Hinweisen auf solche Schwachstellen ist bei den Beratungsgesprächen Routine. Ebenso wird den Eigentümern vermittelt, dass Sicherheit nicht absolut ist. Besser als «einbruchsicher» wäre «einbruchhemmend» als Bezeichnung für die Bauteile. Denn diese Eigenschaft genügt meistens, damit die Täterschaft vom Objekt ablässt. Einbrecher suchen nicht die Konfrontation, sondern wollen möglichst lärmarm und ungestört einbrechen. Solide, widerstandsfähige Bauteile und gut einsehbare Fassaden können dieses Vorhaben behindern oder gar vereiteln.

Bei den Beratungen macht die Kantonspolizei Bern auch Klischees zum Thema. Im Fernsehkrimi mögen die Einbrecher schwarz gekleidet sein, Sturmhauben tragen und schweres Werkzeug mitführen. In der Praxis verschwinden sie in der Masse: «Wir wehren uns mit aller Entschiedenheit gegen Kategorisierungen », betont Bruno Lüthi, «denn es gibt kein gemeinsames Merkmal wie etwa Altersgruppe, Herkunft, Geschlecht oder äussere Erscheinung, das alle Einbrecher verbinden würde.» Zuweilen würden auch Kinder oder Frauen für das Auskundschaften möglicher Objekte eingesetzt. Nicht das Äussere dieser Personen sei deshalb entscheidend, sondern ihr Verhalten: «Meistens merken wir, ob etwas gut ist oder nicht. Auf dieses Bauchgefühl sollte man vertrauen », so Lüthi.

Einfache Werkzeuge

Auch das Werkzeug ist im Alltag unspektakulär. Statt Stemmeisen und Hammer kommt in der Regel ein Flachwerkzeug zum Einsatz, also ein Stechbeitel oder ein grosser Schraubendreher. Mit einem solchen Werkzeug und einem gezielten Schulterwurf lassen sich viele ungesicherte Fenster und Türen innerhalb von 15 bis 20 Sekunden öffnen. Oft kann deren mechanische Sicherheit schon mit relativ wenig Aufwand erhöht werden. Die Kantonspolizei Bern rät zu folgenden Minimalstandards:

  • Neubauten sollten von Anfang an mit einbruchhemmenden Fenstern und Türen ausgestattet werden: Fenster der Widerstandsklasse RC2, Haustüre und Kellertüre der Widerstandsklasse RC3.
  • Bei Renovationen werden geprüfte, zertifizierte Fenster der Widerstandsklasse RC2 empfohlen. Wichtig ist die gute Verschraubung. Falls die bestehenden Fenster aus baulich-konstruktiver Sicht robust genug sind, sind punktuelle Nachrüstungen (Bänder, Griffe) möglich.

Neukauf oder Nachrüstung?

Gerade bei älteren Liegenschaften können bestehende Türen entweder nachgerüstet oder ersetzt werden. Eine Nachrüstung sei unter gewissen Umständen machbar und sinnvoll, sagt Jim Steiner, Präsident des Verbandes Schweizerische Türenbranche (VST). «Dazu muss der Türflügel ausreichend stark sein. Bei Holztüren sind dies idealerweise mindestens 60 Millimeter.» Auch der Türrahmen müsse einbruchhemmend konstruiert und genügend fest mit dem Mauerwerk verschraubt sein, um Angriffen standzuhalten. «Bei den Beschlägen sollte man konsequent sein: Wenn schon ein hochwertiges Schloss und gute Bänder verbaut werden, müssen auch Türdrücker und Schild massiv sein», so Steiner. Eine Tür könne jedoch nur so sicher sein wie ihr schwächstes Bauteil. «Wenn man mit viel Aufwand nur wenig zusätzliche Sicherheit erreichen kann, würde ich eine neue, geprüfte Tür empfehlen», meint Steiner. Während eine «normale » Tür rund 1000 Franken kostet, sind für eine Hauseingangstür der Widerstandsklasse RC3 etwa 2000 bis 2500 Franken zu budgetieren. Ein herstellerübergreifendes Verzeichnis von zugelassenen und einbruchhemmenden Türen ist auf der Website des VST zugänglich.

Bei Fenstern gilt es, ähnliche Überlegungen zu machen. Nachrüstungen, etwa abschliessbare Fenstergriffe oder Stangenverschlüsse, können unter Umständen sinnvoll sein. Jedoch sind moderne Sicherheitsfenster von Grund auf anders konzipiert. «Zum Beispiel greifen die Beschlagsteile wie Pilzkopfschliessbolzen und Sicherheitsschliessstücke ineinander und verhindern, dass die Flügel ausgehebelt werden können», sagt Andreas Kaiser, Obmann der Signet-Kommission beim Schweizerischen Fachverband Fenster- und Fassadenbranche (FFF). Ebenso werde das Getriebe durch einen Anbohrschutz gesichert, und die Verglasung werde als Verbundsicherheitsglas (VSG) ausgeführt. Aus Sicht des FFF müssen Eigentümer unbedingt darauf achten, dass es sich beim gewählten Fenster um ein patentiertes und geprüftes Sicherheitssystem handelt. Der Aufpreis zwischen Standardund Sicherheitsfenstern hängt vom Objekt ab. Gemäss FFF betragen die Mehrkosten bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus etwa 20 Prozent für alle Fenster. Wird nur das Erdgeschoss ausgerüstet, sind es 7 bis 12 Prozent. Für eine Eigentumswohnung muss man mit ungefähr 12 Prozent rechnen. «Der durchschnittliche Mehrpreis zu einem Standardfenster ist marginal», sagt Kaiser, «denn ein Einbruch verursacht nicht nur materielle Schäden, er wirkt auch emotional stark nach. Für relativ wenig Geld erhält man also einen wirksamen Einbruchschutz. »

Es geht um Lebensqualität

Diesen Befund bestätigt die 2013 publizierte «Basler Einbruchstudie». Sie thematisierte neben dem beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden – jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag – auch die immateriellen Folgen für die Opfer. Ein Fünftel der Befragten beurteilte die psychische Belastung nach dem Einbruch, etwa Unsicherheitsgefühle und Belastungsstörungen, als «eher stark» oder gar «sehr stark». Zudem war das generelle Sicherheitsgefühl der Opfer bis zu einem Jahr nach dem Einbruch stark vermindert. Bruno Lüthi von der Kantonspolizei Bern kann solche Befunde aufgrund seiner Beratungen bestätigen. Es gehe eben nicht «nur» um den Einbruch in die Wohnung, sondern auch um die Verletzung der Privatsphäre und des Sicherheitsgefühls: «Letztlich reden wir nicht von Einbruchschutz, sondern von Sicherheit. In meinen Augen ist ganz klar: Sicherheit ist Lebensqualität. Das gilt für den Arbeitsplatz, den sozialen Austausch mit anderen Menschen und eben auch für das Wohnen.»

Erfreulicher Rückgang

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wird jährlich vom Bundesamt für Statistik (BFS) publiziert. Die aktuelle Ausgabe bezieht sich auf das Jahr 2017. Für dieses wurden schweizweit 32 534 Einbrüche registriert. Das sind 12 Prozent weniger als noch 2016 (36 970 Einbrüche). Bemerkenswert ist auch der Rückgang gegenüber dem Jahr 2015 (42 416 Einbrüche). Rückläufig sind auch die Einschleichdiebstähle: 2017 wurden deren 8817 registriert, acht Prozent weniger als 2017 (9569 Einschleichdiebstähle).

Hauseigentümer können viel dazu beitragen, die Deliktzahlen weiter zu drücken. Denn das Einbauen einbruchhemmender Bauteile ist in der Schweiz bis heute freiwillig. Praktisch alle Kantonspolizeien bieten kostenlose Beratungen zum mechanischen Einbruchschutz an. Die Broschüre «Riegel vor!» informiert Hauseigentümer über die wichtigsten Massnahmen für die Einbruchsprävention. Sie ist kostenlos auf jedem Polizeiposten oder im Internet verfügbar: www.skppsc.ch 

WEITERE INFOS

www.vsi-security.ch (Verein für Sicherheitsinformationen)

www.baloise.com (Suchbegriff «Einbruchstudie»)